Leseprobe: Unvergängliches Blut - Die Erben

Kapitel 1

»Das kommt nicht überraschend.« Taran legte den Kopf an seine Schulter. Die Flammen des Kaminfeuers tauchten das Schlafgemach in rötliches Licht und warfen flackernde Schatten auf ihre Haut. Ein Scheit zerfiel knisternd, Funken stoben in den Schornstein. Der Frühlingssturm, der um die Türme von Burg Tyr tobte, rüttelte an den Fensterläden, die die Mägde zum Schutz gegen das Sonnenlicht verschlossen hatten.

»Ja, Maksim hat über die letzten Winter des Öfteren von Abdankung gesprochen.« Damien lag auf dem Rücken, einen Arm um seine Gefährtin geschlungen, den anderen hinter dem Kopf verschränkt. Er starrte gedankenverloren auf die holzvertäfelte Decke des Gemachs. »Ich kann es verstehen. Rodica wird alt. Niemand kann sagen, wie lange sie einander noch haben werden. Sie möchten die ihnen verbleibende Zeit auskosten.«

Taran zog die Schultern hoch. »Das weiß ich doch. Ich gönne es ihnen von ganzem Herzen. Aber mir auszumalen, dass Mutter sterben wird, ist fürchterlich. Natürlich war es mir schon immer klar, als Mensch hat sie nun einmal eine begrenzte Lebensspanne. Doch jetzt, wo es näher rückt-«

Er hauchte einen Kuss auf ihren Scheitel. Auch wenn es ihn schmerzte, seine Gefährtin bedrückt zu sehen, mochten ihm keine tröstenden Worte einfallen. Der Lebensweg der Menschen endete unwiderruflich. Vampire und Ewige waren gegen den Tod ebenfalls nicht gefeit. Sie konnten in einer Schlacht oder durch einen Unfall sterben. Doch das ließ sich verhindern, indem man seine Kampfkünste verbesserte oder sich in gefährlichen Situationen umsichtig verhielt. Es war etwas anderes, mit der Gewissheit zu leben, dass der Tod eines Tages unausweichlich an die Tür klopfen würde.

»Für Mariana und Arik ist es schwer«, sagte Taran. »Ganz besonders für Arik. Er vergöttert seine Großmutter.«

»Sie werden lernen, damit umzugehen. Ich glaube, dass es tatsächlich Rodica ist, die die geringsten Schwierigkeiten hat, das Sterben anzunehmen. Verglichen mit ihr komme ich mir wie ein Schwächling vor. Als hätte ich niemals dem Tod ins Auge geblickt.«

Ihr Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. »Mutter hat mir verboten, darüber nachzugrübeln. Sie sagt, wenn sie keine Angst davor hat, dann brauchen wir auch keine zu haben.« Mit einer raschen Bewegung drehte sie sich auf den Bauch und musterte ihn. Ihr silbernes Haar, das Zeichen der Ewigen, der Mischlinge aus Mensch und Vampir, fiel über die nackten Schultern nach vorn. Er hob die Hand und steckte es ihr hinter den Ohren fest.

 »Wie geht es dir inzwischen mit deiner neuen Berufung?«, fragte sie.

So wie es vor langer Zeit festgelegt worden war, würde er Maksim als Herrscher nachfolgen. Sie hatten darüber im Laufe des Winters gesprochen und es heute Nacht der Familie und dem Rat verkündet. Außer Taran wusste niemand von den Zweifeln, die ihn dann und wann überfielen, und an seiner Überzeugung, der Aufgabe gewachsen zu sein, nagten. »Es ist eine große Herausforderung. Ich habe diese Momente, in denen ich mich frage, ob ich das Richtige mache.«

»Wieso nicht? Du sitzt seit vielen Wintern im Rat der Stämme und hast Maksim bei den Regierungsgeschäften unterstützt.«

»Nun, ich werde nicht mehr nur Ratschläge geben, sondern Entscheidungen treffen.« Die das Leben von Abertausenden von Vampiren, Menschen und Ewigen im Qanicengebirge beeinflussen würden. Im schlimmsten Fall bedeuteten sie Tod und Verderben, im besten die Fortführung des friedlichen Daseins, das seit dem Ende des Rebellenkriegs herrschte. Der Friede war Maksims Vermächtnis, das er erhalten musste. »Es ist eine große Verantwortung, vor der ich Respekt habe. Manchmal erdrückt es mich. Wie nannte Maksim es vorhin im Kaminzimmer? Eine Bürde?«

»Es gibt niemand Besseren für diese Bürde als dich.«

»Nun, das wird sich zeigen müssen. Aber du hast recht. Ich habe mich über viele Winter vorbereitet. Das ist nicht, was mir die meiste Sorge bereitet. Es geht mir um dich und Mariana und Arik. Für euch wird sich vieles ändern. Maksim und ich haben diese Entscheidung getroffen, ohne euch anzuhören.«

»Mach dir um mich keine Sorgen. Ich bin die Tochter des Herrschers und das ganze Brimborium darum gewohnt. Und ich verspreche, mich aufzuführen, wie es sich der Gefährtin des Herrschers über die Stämme geziemt.«

»Indem du in Lederhosen durch die Gegend läufst und den Schwertkampf übst?« Er grinste.

»Schwertkampf ist sehr viel nützlicher als Sticken. Oder Nähen. Und es macht mehr Spaß.«

»Das kann ich nicht beurteilen.«

Taran lächelte. Dann beugte sie sich vor und küsste ihn sacht, löste ihre Lippen aber viel zu schnell von den seinen. Sein unwilliges Knurren ignorierend sagte sie: »Was Mariana und Arik angeht: Sie haben immer gewusst, dass du als Maksims Nachfolger vorgesehen warst.«

»Bisher waren es Gedankenspiele. Maksim ist unsterblich. Er könnte noch hunderte von Wintern regieren. Jetzt sind Mariana und Arik von einem Tag auf den anderen die Kinder des Herrschers. Einer der beiden wird als mein Nachfolger benannt werden.«

»Mariana«, sagte sie leise, fast widerstrebend.

Mariana. Sein kleines Mädchen, das er stets beschützen würde. Das hatte er sich am Tag ihrer Geburt – sie lag winzig, schrumpelig und rot auf seinem Arm – geschworen. Aber er hatte feststellen müssen, dass seinem Schutz Grenzen gesetzt waren. Mariana war ein lebendiges Kind gewesen. Immer wieder war sie ihren Eltern und der Blutamme ausgebüxt und hatte sich in den Kammern und Gängen der Burg versteckt. Mit vier Wintern rannte sie einmal aus der großen Halle hinaus in den sonnigen Tag. Ihr entzücktes Kichern verhallte im Hof. Panisch folgte er ihr. Sie würde in der Sonne verbrennen! Auf der Treppe brach er brüllend vor Schmerz zusammen und roch versengtes Fleisch. Sein eigenes. Sein Bruder im Blute, Milo, und die Krieger zerrten ihn mit Gewalt in die Halle zurück und hielten ihn dort trotz seiner verzweifelten Gegenwehr fest. Er konnte seiner Tochter nicht helfen. Seine Sonnenempfindlichkeit hielt ihn hinter den dicken Mauern gefangen. Nach einer ihm schier endlos erscheinenden Zeit brachte Taran Mariana mit unversehrter Haut und einem strahlenden Lächeln auf dem Gesicht zurück. Seine Tochter hatte sich als Sonnenwandlerin entpuppt. Sie ertrug die für andere Vampire tödlichen Strahlen. Sie war die erste ihrer Art gewesen. Inzwischen gab es mehrere von ihnen, allesamt Kinder von Vampiren, die sich Ewige als Gefährten genommen hatten.

»Arik kann nicht mein Nachfolger sein«, sagte er sanft. »Er ist ein Ewiger, kein Vampir.«

Sie schüttelte den Kopf. »Auch wenn er ein Vampir wäre: Arik ist dafür nicht geeignet. Und er weiß noch nicht, was er will. Ganz anders als Mariana.«

Ja, Arik war sehr verschieden von seiner Schwester. Nicht nur, dass sein Blut für Vampire tödlich war, während Mariana Menschenblut zum Überleben brauchte. Auch vom Wesen unterschieden sich die Geschwister wie Feuer und Wasser. Mariana war zupackend und handelte schnell, manchmal zu schnell. Arik war zögerlich. Er musste noch herausfinden, was er vom Leben wollte. Damien war sicher, dass sein Sohn seinen Weg machen würde. Er war jung, vierzehn Winter, hatte alle Zeit der Welt, sich zu orientieren! Taran hingegen machte Ariks Ziellosigkeit Sorgen. Er lernte den Schwertkampf, wie seine Schwester vor ihm. Aber im Gegensatz zu Mariana, die unverdrossen und über das Tagessoll der Krieger hinaus übte, brach Arik die Übungen ab, sobald der Pflicht Genüge getan war. Das Einzige, für das er sich begeisterte, waren Bücher. Jeden Abend steckte er seine Nase in einen anderen verstaubten Band.

»Es ist nur«, fuhr Taran fort, »dass Mariana gerade fünfundzwanzig Winter alt ist. Du warst viel älter und erfahrener, als Maksim dich damals als seinen Nachfolger bestimmt hat. Du hattest Schlachten geschlagen und am Rebellenkrieg teilgenommen.«

»Und mich in eine Ewige verliebt.« Er umfasste ihren Kopf und zog sie zu sich herunter. Der Kuss war lang und vielversprechend. Er brummte enttäuscht, als sie ihn unterbrach.

»Ja, auch das wird Mariana passieren. Was meinst du, wie viele Männer sich um die zukünftige Herrscherin über die Stämme bemühen werden?«

Die Vorstellung irgendwelcher Kerle, die sabbernd um seine Tochter schlichen, gefiel ihm gar nicht. »Ich werde auf sie aufpassen. Ich werde nicht zulassen, dass ein dahergelaufener Glücksritter sie für sich einnimmt.«

»Damien, Mariana ist eine mündige Frau und eine Kriegerin, kein Mädchen mehr! Sie kann auf sich aufpassen!«

»Gerade eben sagtest du noch, dass sie jung ist!«

»Für eine mögliche Nachfolgerin des Herrschers über die Stämme, ja. Sie konnte nie die Erfahrungen sammeln, die du gemacht hast. Stell dir vor, sie müsste dir jetzt, zu diesem Zeitpunkt, nachfolgen. Was wäre, wenn jemand Krieger um sich schart und versucht, die Herrschaft an sich zu reißen? Du musst das nicht befürchten, denn deine Stellung ist gefestigt.«

»Das ist der Grund, warum ich sie so früh als meine Nachfolgerin benenne. Sie kann sich ihren Ruf und ihre Stellung in Ruhe erarbeiten.«

»Da hast du allerdings recht«, meinte sie nachdenklich. Dann lächelte sie verschmitzt.

»Was willst du mir mit diesem Lächeln sagen?« Er verschränkte seine Arme hinter ihrem Rücken, hielt sie sanft gefangen.

»Es ist lustig, dass du Mariana auf der einen Seite zutraust, deine Nachfolgerin zu werden, aber auf der anderen Seite der Meinung bist, sie vor der Männerwelt beschützen zu müssen.«

»Sie hat keine Erfahrung mit Männern! Die werden sie wegen ihrer Stellung umschwirren! Ich werde sie davor bewahren!«

»Sie ist fünfundzwanzig Winter alt. Denkst du nicht, dass sie bereits Erfahrung mit Männern hat?«

»Was?«, fragte er empört. Doch nicht Mariana! Sie war viel zu jung!

»Ach, Damien. Versprich mir bitte, nichts Dummes zu machen, was Mariana und Männer angeht. In Ordnung?«

»Was könnte ich denn ‚Dummes‘ machen deiner Meinung nach?« Jetzt war er gereizt.

»Eben versuchen zu verhindern, dass sie sich verliebt. Sie muss ihr Glück allein finden.«

Er knurrte. Mariana und sich verlieben! Das war abwegig!

»Vertrau ihr, Damien. Das ist alles. Sie wird das Richtige machen. Genauso, wie sie es machen wird, wenn sie an deiner Seite und im Rat der Stämme arbeitet.«

»Na gut«, murmelte er und zog ihren Kopf wieder zu sich herunter. »Was kriege ich dafür?«

»Was? Wofür?«

Er fuhr mit seinen Lippen über die ihren, eine sanfte Berührung nur, und genoss, wie ihre Atemzüge flacher und schneller wurden. »Ich denke, ich verdiene eine Belohnung, wenn ich mich so verhalte, wie du es möchtest.«

»Belohnung? Damien-«

Er grinste und verschloss ihren Mund mit einem nachdrücklichen Kuss, den er nicht mehr gedachte abzubrechen.