Leseprobe: Dämonenstern

Prolog

Er war an die Oberfläche gegangen, stand im Torbogen des verfallenen Tempels, in dessen weitläufigen Katakomben er und seine Kämpfer Zuflucht gefunden hatten.

Die Lavalandschaft erstreckte sich bis zum Horizont, einstmals glühende Flüsse, die während der großen Feuer die Stadt der Alten, nahe der der Tempel lag, verschlungen hatten. Mauertrümmer und verfallene Dächer, die Überreste einer Zitadelle und eines Glockenturms ragten in der Ferne aus dem anthrazitfarbenen Gestein.

An den Wänden des ehemaligen Andachtssaals hinter ihm erahnte man noch die Malereien, die die Seelenwanderung durch die sechzehn Sphären beschrieben. Die hohe Decke wurde von mächtigen Marmorsäulen getragen und Vulkanasche kroch durch die leeren Höhlen der zerborstenen Fenster.

Trotz der Zeit, die seit den großen Feuern vergangen war, hatte die Natur die Gegend kaum zurückerobert. Dürre Büsche wuchsen im Geröll ein paar Schritte von ihm entfernt. Flammenechsen, durch sein Erscheinen aufgeschreckt, huschten unter Steine. Graue Staubwolken verschleierten den Himmel, die drei Monde waren kaum zu erkennen. Ein scharfer Wind, Vorbote des nächtlichen Orkans, zerrte an seinem Umhang, der ihn wie ein silbernes Segel umflatterte.

Der Hohe Rat war misstrauisch geworden. Sie hatten die Manipulationen bei der Entwicklung der Portaltechnologie auf Gaia bemerkt und die Portale zu den Sphären per Dekret geschlossen. Aber das war jetzt gleich.

Ein verächtliches Lächeln umspielte seine Lippen. Das Dekret war zu spät gekommen. Seine Gelehrten hatten den Gaianern innerhalb weniger Sonnenumrundungen eine Technologieentwicklung ermöglicht, die ansonsten Generationen gebraucht hätte. Damit würde er Nyx wieder die Herrschaft über die Sphären zu verschaffen, wie damals unter König Davdrut, der diesen Triumph nicht mehr erleben durfte.

Seine mumifizierte Leiche bahrten sie in jeder Zuflucht auf, eine Erinnerung an das Opfer, das der König während des Bürgerkriegs mit seinem Leben gebracht hatte. Sobald sie ihren Sieg errungen hatten, würde er in einem prachtvollen Grab in Sakallas Totenstadt bestattet werden.

Doch bevor es so weit war, mussten sie den Hohen Rat vernichten. Dazu bedurfte es mehr als der Attentate, mit denen sie seit dem Ende des Kriegs Angst verbreiteten.

Er hatte die Figuren in Position gebracht. Dass es die letzte Möglichkeit war, ein geradezu verzweifelter Akt, um doch noch zu siegen, das musste er sich mit einem bitteren Geschmack im Mund eingestehen. Den erbärmlichen Rest seiner Kämpfer, des stolzen Heers der Davdrut, hatte man in diese trostlose Region tief im Süden Rydinias vertrieben. Sie waren Vogelfreie. Die Schwadronen jagten sie ohne Gnade. Einen militärischen Sieg konnte es nur mithilfe der Gaianertechnologie geben.

Sein Plan war verwegen. Schlug er fehl, war der Kampf endgültig verloren.

Lief es wie vorhergesehen, würden sie die Ordnung, die unter König Davdrut geherrscht hatte, wiederherstellen.

Die Zeit, die er damals auf Gaia verbracht hatte, war ihm noch so präsent, als sei es gestern gewesen, auch wenn seitdem über sechshundert Sonnenumrundungen vergangen waren. Er hatte sich zum König eines wilden Landes in den Bergen gemacht und seine gaianischen Untertanen Gehorsam gelehrt. Sie nannten ihn den Sohn des Teufels und brachten ihm den Respekt entgegen, der ihm gebührte.

Denn Nyxaner waren die Herren der Sphären, ganz gleich, was die verfluchten Mystiker faselten. Aber die Mystiker und die, die ihnen nahestanden, hatten den Bürgerkrieg gewonnen. Ihre giftigen Ideen von der Seelenwanderung durch die Sphären führten zum Verbot der Reisen. Nur Gelehrte durften die Sphären erforschen, ohne in das Leben dort einzugreifen, eine Scheinheiligkeit sondergleichen. Selbst das hatten sie jetzt unterbunden.

Der Krieg war zwar lange verloren, aber der Kampf noch nicht aufgegeben. Der Hohe Rat war ahnungslos, hieß es doch, die Davdrut seien keine Gefahr mehr.

Er schnaubte abfällig. Die Gaianer würden ihm helfen, dafür hatte er gesorgt. Jetzt musste er warten, bis Morrigu ihm die Ausführung des Plans bestätigte. Aber dann hätte er gesiegt. Endgültig.

In Gedanken versunken starrte er noch eine ganze Weile auf die Lavalandschaft, bevor er sich umdrehte und durch den Saal in die Finsternis der Katakomben zurückkehrte.

1

Die Mondfähre, ein weißer Punkt, bewegte sich in gerader Linie über den nächtlichen Himmel, an dessen östlichem Horizont sich das erste zarte Rosa des Tages zeigte. Sie brachte Arbeiter und Materialien für den Bau des Observatoriums im Peary-Krater auf den Erdtrabanten.

Einmal im Monat, immer zu dieser Zeit, überquerte die Fähre Europa, aber es war das erste Mal seit langem, dass Lissa sie beobachtete. Als der Punkt gegen die Helligkeit des neuen Tags nicht mehr zu sehen war, seufzte sie, wandte sich vom Fenster ab. Das Licht des HDU, des Holographic Display Units, blinkte, forderte sie auf, die Nachricht abzuspielen.

Aus der Küche hörte sie die Stimmen von Anni und der künstlichen Intelligenz, die sie einfallslos James getauft hatten, aus dem zweiten Schlafzimmer drangen Fetzen von Carls Heavy Metal Musik.

Sie blendete die Geräusche aus. Auf dem HDU wartete seit einer halben Stunde eine Nachricht der Global Space Agency. Mehrmals hatte sie den Sprachbefehl zum Abrufen der Nachricht geben wollen und war immer in letzter Sekunde zurückgeschreckt. Der Forschungsartikel, den sie über Nacht Korrektur gelesen hatte, lag vergessen auf dem Schreibtisch.

Wochenlang hatte sie die Antwort der GSA herbeigesehnt und jetzt war ihr vor Nervosität übel. Hatten sie sie ausgewählt? Oder bedeutete die Nachricht das Aus für ihre Träume? Musste sie sich einen neuen Job suchen?

Das Licht am HDU blinkte ungeduldig. Die Antwort auf diese zermürbenden Fragen war einen Sprachbefehl entfernt. Was würde sie machen, falls ihr ein lautes Nein beim Abspielen entgegenschallen würde?

Lissa hatte keine Ahnung.

Reiß dich zusammen“, murmelte sie schließlich. Zögern brachte nichts. Die Nachricht würde sie so oder so erreichen. Sie stählte sich, nahm einen tiefen Atemzug und sagte: „Nachricht abspielen.“

Die Luft über dem HDU flimmerte. Macs lächelndes Gesicht erschien. „Hallo, Lissa! Ich habe gute Neuigkeiten. Mission EPU-001 ist genehmigt und du wirst zum Expeditionsteam gehören. Das ich leiten werde. Die offizielle Bestätigung kommt per E-mail, aber ich wollte dir schon mal Bescheid geben. Wir starten am 3. September. Neben dir wird übrigens-“

Es dauerte zehn Sekunden, dann verstand Lissa. Sie hatte die Mission! Sie hatten sie ausgewählt!

YES!“ Sie tat einen Luftsprung, der den HDU gefährlich ins Wanken brachte. Die Abbildung von Macs Gesicht schwankte wie ein Baum im Wind.

Anni!“ Sie rannte in den Flur und zur Küche, eine Strecke, für die man exakt vier Schritte brauchte.

Was ist?“ Ihre Mitbewohnerin stand im Morgenmantel und mit vom Schlaf verquollenen Augen vor dem Küchenautomaten, einem mannshohen mit dem Kühlschrank verbundenen Monstrum, das alle gängigen Getränke und Gerichte zubereitete. Vorausgesetzt, man verstand mit ihm umzugehen. „Verdammt, ich will Kaffee, nicht Tee! KAFFEE!“

James, Kaffee, schwarz“, sagte Lissa seufzend.

Guten Morgen, Lissa“, kam ein wohltönender Bariton aus dem Off. „Einmal Kaffee, schwarz. Kommt sofort.“ Der Automat fing an zu arbeiten und zerkleinerte mit Getöse Kaffeebohnen.

Wieso hört er auf dich, aber nicht auf mich?“, beschwerte sich Anni.

Du musst ihm eindeutige Befehle geben. Wie oft muss ich es dir noch erklären? Du kannst nicht laut überlegen, ob du Tee oder Kaffee oder vielleicht doch nur Orangensaft möchtest. Das bringt ihn durcheinander.“

Und sowas nennt sich künstliche Intelligenz“, murmelte Anni unwillig. „Erst letzte Woche habe ich es so gemacht und einfach Spiegeleier verlangt. Aber nein, nichts!“

Da hattest du vergessen, die Einkäufe aus der Postbox mit nach oben zu nehmen. Wenn die Sachen nicht im Kühlschrank stehen, kann James sie auch nicht verarbeiten!“

Okay, du hast ja Recht“, gab Anni missmutig zu, doch Lissa wusste, dass sie die Erklärungen zum Umgang mit James in fünf Minuten wieder vergessen haben würde. Aber es gab Wichtigeres.

Hör zu: Nachricht von der GSA, von Mac!“

Anni wurde augenblicklich lebendig. „Und? Erzähl schon!“

Lissa grinste. „Rate mal, wer als Astrobiologin an der Mission EPU-001, die am 3. September 2057 startet, teilnehmen wird?“

EPU ... EPU, das ist -“

Exploration of Parallel Universes! Das Paralleluniversum! Welt 001!“

Anni kreischte auf und fiel ihr um den Hals. „Oh! Mein! Gott! Das ist der Wahnsinn!“

Ich weiß! Ich kann es kaum glauben!“ Lissa drückte ihre Mitbewohnerin fest an sich. „Ich bin Astronautin!“

Was schreit ihr denn hier so rum?“ Carl, Annis Freund, kam gähnend hereingeschlendert. Er war nur mit Boxershorts bekleidet und stellte so seine nicht unbeträchtlichen Muskeln und die vielen Tattoos zur Schau. Die Heavy Metal Musik hatte er dankenswerterweise abgestellt.

Lissa hat ihre Mission!“

Glückwunsch!“ Carl nahm den Becher dampfenden Kaffees aus dem Automaten. „Wo geht’s hin?“

Es ist die erste Mission in ein Paralleluniversum! Ich habe euch davon erzählt! Welt 001! Die wir mit dem Rover erforschen!“ Lissa ließ sich auf einen der einfachen Plastikstühle am Küchentisch sinken. Sie konnte es noch nicht wirklich erfassen. Das war die Mission, von der sie geträumt hatte. Die bis vor einem Jahr noch in der Schwebe hing, war es doch erst da gelungen, zum ersten Mal ein stabiles Wurmloch zu erzeugen. Am anderen Ende dieses Wurmlochs lag Welt 001, eine Erde in einem Paralleluniversum, von der der Rover seit drei Wochen Bilder einer Wüste mit Felsformationen, durchzogen von Canyons, schickte. Eine Welt, auf der es Leben gab, Moose, Flechten, spinnenartige Tiere, Echsen. Die sie live erleben werden würde, nicht nur in Form von Bildern und Analysedaten!

Carl lehnte sich gegen den Kühlschrank und legte den Arm um Anni. „Hm, mal sehen, ob ich mich erinnere ... ja, du hast diese Parallelerde und Paralleluniversen einmal erwähnt.“

Nein, ich glaube, zwei Mal“, korrigierte Anni ihn.

Eher drei, vier oder noch mehr Male“, sagte Carl. Er lachte, als Lissa das Gesicht verzog. „Aber pass bloß auf, dass du dir da nicht selbst begegnest! Ich habe da mal diesen Film gesehen -“

Wie oft soll ich dir noch erklären, dass -“

Er hob abwehrend die Hand, die die Kaffeetasse hielt, und krauste gespielt grübelnd die Stirn. „Ja, ja, wie war das noch? Also, abhängig von den Ereignissen jetzt verzweigt sich jedes Universum in neue Universen. So wie meine Entscheidung, diesen grässlichen Kaffee zu trinken, zu diesem Universum geführt hat. In einem anderen habe ich ihn weggeschüttet, in wieder einem anderen -“

Habe ich dich, weil du mir den Kaffee klaust, aus der Wohnung geworfen. So wie du hier stehst. In Unterhose“, sagte Anni und strahlte ihn an.

Natürlich, Schatz“, fuhr Carl ungerührt fort. „Deswegen gibt es unendlich viele Universen. Die in jeder Sekunde immer mehr werden. Auf eins mit einem exakten Doppelgänger zu treffen, ist daher eher unwahrscheinlich.“

Hmmm“, machte Lissa. „Sehr laienhaft ausgedrückt. Aber ja: Nach der Quantenmechanik teilt sich das Universum, falls es eine Wahl zwischen mehreren Zuständen gibt. Also du in Unterhose in der Küche oder draußen vor der Tür.“ Carl lachte. „Alle diese möglichen Zuständen werden realisiert. Damit verzweigt sich das Universum in immer mehr Paralleluniversen. Die übrigens identisch sind bis auf das Ereignis, das zur Spaltung geführt hat. Und wenn man sich vorstellt, wieviele dieser Ereignisse zu jedem Zeitpunkt auf jeder Ebene stattfinden! Ich meine, es sind auch Ereignisse wie, ob ein radioaktives Atom irgendwo jetzt gerade zerfällt, oder -“

Stopp!“, unterbrach Anni sie energisch. „Verstanden, Lissa!“

Entschuldigt.“ Lissa zuckte mit den Achseln. Es war ihr nicht neu, dass ihre Freunde genervt auf ihre Vorträge reagierten. Sie lebte für die Wissenschaft und da gingen die Pferde manchmal mit ihr durch. „Es ist nur so aufregend! Welt 001 ist unserer so ähnlich! Die Atmosphäre ist fast genau die gleiche wie bei uns und es gibt Pflanzen und Tiere! Gut, wir wissen nicht, ob der ganze Planet aus Wüste besteht oder nicht. Soweit kommt die Drohne des Rovers nicht. Vielleicht gibt es -“ Sie hielt inne und hob beschwichtigend die Hände. „Ich höre auf, versprochen!“

Carl sah sie versonnen an. „Wer weiß, vielleicht triffst du auf Welt 001 endlich mal einen Mann, der mit dir fertig wird. Nicht so wie Ben.“

Dass Carl die Sache mit Ben gerade jetzt ansprechen musste! Anni, die Lissas Gesichtsausdruck richtig interpretierte, stieß ihm unsanft den Ellenbogen in die Seite. „Halt die Klappe, Carl! Das sind nur noch acht Monate, Lissa!“

Es traf sie wie ein Schlag. In acht Monaten würde sie losfliegen. Und bis dahin neben der weiteren Auswertung der Daten des Rovers die Expedition vorbereiten. Die Teammitglieder kennenlernen. Die Ausrüstung zusammenstellen.

All die Bewerbungsschleifen, Tests und das lange Training hatten sich gelohnt. Kurse, in denen sie Raumfahrt, Aerodynamik und Raumflugmechanik gebüffelt hatte. Lernte, wie sie die Raumfähre, mit der sie durch das Wurmloch fliegen würde, bediente und wartete, und in ihr Experimente durchführte. Das harte körperliche Training, in dem sie die Schwerelosigkeit in sich im steilen Sinkflug befindenden Flugzeugen erlebt hatte, in Zentrifugen umhergeschleudert wurde und Überlebensübungen in der Wildnis machte.

Erde an Lissa“, holte Annis Stimme sie in die Wirklichkeit zurück. „Alles in Ordnung?“

Was? Oh, entschuldigt. Ja, alles okay. Es ist nur irgendwie beängstigend, dass es plötzlich wahr wird.“

Frau Doktor Elisabeth de Vries“, sagte Anni tadelnd. „Du hast dein ganzes Herzblut in diese Sache gesteckt. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so viel Zeit mit seiner Arbeit verbringt! Jetzt mach dir bloß nicht in die Hose!“

Stimmt.“ Carl nickte. „Die vielen Abende, an denen du uns mit Wurmlöchern und außerirdischen Staubkörnern gelangweilt hast, müssen sich doch gelohnt haben. Also, freu dich gefälligst!“

Lissa kicherte. „Ihr seid unmöglich. Natürlich freue ich mich! Und überhaupt habe ich nie etwas über Staubkörner gesagt! Aber die Moose, die wir mit dem Rover analysieren -“

Muss weg. Dusche“, verabschiedete Carl sich eilig und drückte Anni den leeren Kaffeebecher in die Hand.

Feigling!“, rief Anni hinter ihm her. „Das feiern wir! Heute Abend haben wir doch alle frei. Wir kaufen etwas Leckeres ein und machen ein schönes Dinner!“

Eine tolle Idee!“ Lissa drückte ihrer Mitbewohnerin einen dicken Schmatzer auf die Backe. „Ich seh mir die Nachricht von Mac noch mal an. Er hat erwähnt, wer sonst noch an der Expedition teilnimmt. Das habe ich in der Aufregung vollkommen überhört!“

Lasst mich nur hier stehen!“, maulte Anni. „Ich kümmere mich um das Frühstück, während ihr der Körperpflege nachgeht und Hologramme anguckt!“

Danke!“, kam Carls Stimme aus dem Bad.

Ja, danke dir!“, rief Lissa, schon längst wieder an ihrem Schreibtisch.

Sie gab den Sprachbefehl, die Nachricht abzuspielen, und Macs Gesicht tauchte vor ihr auf.

John MacAlastair, genannt Mac, Raumfahrtingenieur und ehemaliger Kampfpilot, war einer ihrer Ausbilder beim Raumfahrttraining gewesen. Er trug sein rotes Haare militärisch akkurat getrimmt. Sein Shirt zeigte das Logo der GSA, einem von Olivenzweigen umgebenen Erdkreis, über dem sieben Sterne standen, für jeden Kontinent einen.

Hallo, Lissa! Ich habe gute Neuigkeiten. Mission EPU-001 ist genehmigt und du wirst zum Expeditionsteam gehören. Das ich leiten werde. Die offizielle Bestätigung kommt per E-mail, aber ich wollte dir schon mal Bescheid geben. Wir starten am 3. September. Neben dir wird übrigens Rio Almeida als zweiter Biologe mit an Bord sein. Ein paar Teammitglieder müssen noch bestätigt werden, aber das sollte in den nächsten drei bis vier Wochen durch sein. Deswegen habe ich jetzt schon das erste Teambriefing festgesetzt. Am Donnerstag, 1. März, in Nowosibirsk. Schick mir eine kurze Nachricht, damit ich weiß, dass du da sein wirst. Bis dahin!“

Rio, einer ihrer ehemaligen Dozenten, hatte das Astronautentraining mit ihr durchlaufen. Das Programm hatte sie nach Houston, ins chinesische Jiuquan und nach Star City in der Nähe von Moskau geführt. Und zum GSA-Center bei Nowosibirsk, das mit dem Projekt EPU, der Erforschung von Paralleluniversen, betraut war.

Lissa zeichnete eine Antwort auf, in der sie bestätigte, dass sie zum Briefing in Nowosibirsk sein würde. Sie lachte, als sie sie vor dem Versenden noch einmal abspielte. Ihre kurzen dunkelblonden Haare standen wirr vom Kopf ab. Man sah an den Ringen unter den Augen, dass sie nicht geschlafen hatte, war die Nacht doch für den Forschungsartikel draufgegangen, in dem es um die Moose auf Welt 001 ging. Sie arbeitete für die GSA in einem Labor der Goetheuniversität Frankfurt und pendelte regelmäßig nach Nowosibirsk. Aber diese Arbeit würde nun erst einmal der Vergangenheit angehören!

Nun ja, Mac geht es nicht um meine Model-Qualitäten“, sagte sie zu niemand Besonderem, schickte die Nachricht ab und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.

Ihr Schreibtisch stand am Fenster, aus dem sie einen Blick zwischen Wohnhochhäusern hindurch in die Ferne hatte zur schemenhaften Skyline Frankfurts. In ihrer Nachbarschaft stand ein Block neben dem nächsten, beengten Wohnraum bietend in einer Region, die schon vor Jahrzehnten überbevölkert gewesen war. Jeder Wohnturm war von Bändern von Balkonen umschlungen, auf denen im Sommer Blumen, Sträucher und Gemüse wuchsen. Auf den Dächern wetteiferten Sonnenkollektoren um den knappen Platz. Zwischen den Türmen lagen Gärten und Kinderspielplätze, in Ordnung gehalten von eifrigen Rentnern. Doch Lissa war in Gedanken woanders als bei Rentnern und dem Katz und Mausspiel, dass die sich mit Jugendlichen, die sich gern auf den Spielplätzen zusammenrotteten, lieferten.

Sie sagte: „Eva anrufen.“

Eva, ihre Pflegemutter. Lissa war fünf Jahre alt gewesen, als ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen waren. Noch heute erinnerte sie sich, wie eine fremde Frau bei der Nachbarin, die auf sie aufgepasst hatte, auftauchte und ihr mit vorsichtigen Worten erklärte, dass ihre Mama und ihr Papa nun im Himmel seien. Lissa war wortlos aufgestanden und auf die Terrasse gegangen, wo sie den Kopf in den Nacken legte und in den Himmel sah. Es war Abend, die Sonne schon untergegangen, ein warmer Wind wehte. Sterne funkelten. „Sind Mama und Papa auf einem der Sterne da?“, wollte sie wissen. Die Nachbarin schluchzte auf und die fremde Frau legte ihr die Hand auf die Schulter. „Ja, das sind sie“, hatte sie gesagt. Erst da hatte Lissa angefangen zu weinen. Die Sterne waren weit weg und Mama und Papa würden nicht wiederkommen.

Eva war schon auf. Ihre grauen Locken tanzten und ihr Lächeln vertiefte die Falten um die Augen. „Lissa, so schön dich zu sehen! Hast du schon was gehört?“

Hallo Eva! Ja, deswegen melde ich mich. Ich habe die Mission!“

Herzlichen Glückwunsch! Anton, hast du das gehört?“ Im Hintergrund hörte Lissa Anton, Evas jüngstes Pflegekind, etwas sagen, konnte ihn aber nicht verstehen. Er war wahrscheinlich in einem Spiel unterwegs, hatte die Augmented Reality Brille aufgesetzt und das Wohnzimmer in ein feuchtes Verlies verwandelt. Anton präferierte Spiele, die im Mittelalter angesiedelt waren und in denen möglichst viele Monster getötet werden mussten.

Ich denke, sein muffeliges Gebrabbel soll ebenfalls ‚herzlichen Glückwunsch‘ bedeuten“, sagte Eva kopfschüttelnd. „Teenager! Und, wann geht es los?“

Sie berichtete noch einmal von der Mission. „Es ist unfassbar, dass sich das jetzt so erfüllt.“, meinte sie am Schluss. „Tausende hatten sich bei der GSA um Laborstellen und das Astronautentraining beworben. Schon die befristete Stelle als Astrobiologin war so ein ungeheurer Glückstreffer, vom Astronautentraining ganz zu schweigen! Und jetzt gehöre ich zu den ersten Menschen, die eine Parallelwelt erforschen werden! Eigentlich hatte ich ja gedacht, dass sie nur erfahrene Astronauten auf diese Mission schicken und ich zum Mond oder zum Mars fliegen würde.“

Ich freue mich so für dich!“, rief Eva. „Wann geht es denn los?“

Nachdem Lissa ihr den Ablauf geschildert hatte, sagte Eva: „Mich beruhigt, dass du nicht so lang im Weltraum herumfliegen wirst. Lustig, dass der Flug in ein anderes Universum so viel kürzer ist als bis zum Mars. Wirklich nur zehn Tage? Nein, du brauchst es nicht zu erklären, Liebes, ich verstehe es ja doch nicht. Es klingt toll! Du hast es verdient!“

Du hast deinen Teil dazu beigetragen.“

Ihre Pflegemutter lächelte verhalten. Sie sprachen kaum über Lissas erste Jahre bei ihr. Es war eine schwierige Zeit gewesen. Nachdem sie sich eingelebt hatte, schien alles gut zu werden, bis es zu diesem einen Erlebnis kam. Lissa war inzwischen routiniert genug, um es zu verdrängen. Damals, als Kind, hatte es diese Routine nicht gegeben, hatte sie Panikzustände erlebt, nächtelang geweint, und war in psychologischer Betreuung gewesen. Jahre später hatte sie endlich gelernt, damit umzugehen. Alle, auch Eva, waren der Meinung gewesen, es sei eine verspätete Reaktion auf den Verlust ihrer Eltern. Lissa hatte gelernt, sich nach außen hin dieser Meinung anzuschließen, aber tief drinnen war sie überzeugt, dass es real gewesen sein musste. Auch wenn sie es nicht erklären konnte.

Nein, es ist dein Verdienst, Lissa, das Ergebnis harter Arbeit. Ich bin so stolz auf dich. Warte, bis ich allen Nachbarn erzählt habe, dass meine Pflegetochter Astronautin ist!“

Lissa lachte. „Der alten Meierbrinks wird das gar nicht passen.“

Ihr werde ich es besonders reinreiben. Ich habe mir lange genug die Erfolgsgeschichten ihres Enkels anhören müssen. Jetzt bin ich dran!“

Viel Spaß dabei!“

Eva lächelte. „Deine Eltern wären stolz auf dich, Lissa.“

Ja, das wären sie. Lissa erlaubte sich einen Anflug von Wehmut. „Es wäre schön, wenn sie es noch erlebt hätten.“

Das stimmt. Du kommst vor deiner Abreise nach Nowosibirsk sicher noch einmal zu Besuch, oder?“

Aber natürlich! Ich erlaube dir sogar, mich dann der alten Meierbrinks vorzuführen.“

Eva lachte. „Wie ich mich darauf freue!“